Sunday, August 13. 2006
Kassandra verkündete im ADS-Disk Forum folgendes:
Doof war gestern - die neue Losung heißt: Intelligenz für alle!
BILD meldet heute auf Seite 1 (Zusammenfassung von mir):
Prof. Hans Hilger Ropers aus Berlin testet gerade die erste Pille gegen Dummheit. Sie soll gegen Lernschwäche und Vergesslichkeit helfen, indem sie gezielt die Überaktivität bestimmter Gehirnareale herunterreguliert und vor allem das Kurzzeitgedächtnis, welches die Aufmerksamkeit steuert, verbessert.An Fruchtfliegen und an Mäusen konnte man, wie berichtet wird, die Wirksamkeit der neuen Pille schon nachweisen. Ich hätte schon einen verkaufsförderden Namen für die neue Anti-Doof-Pille im Stil der zeitgemäßen Positiv-Formulierungen:
proactive intelligence solution.
Vielleicht werden sich bald die ersten pillengedopten Fruchtfliegen und Mäuse in Gymnasien und in den Hörsälen der Universitäten einfinden, um sich später als Anwärter auf den Nobelpreis zu qualifizieren...
Und Matthias meinte draufin sogar:
Ich sehe hinter solchen Wissenschaftlern immer nur eine unreflektierte Besessenheit von so etwas wie "Effektivität" oder "Leistungssteigerung": das ist die total(itär)e Übertragung des ökonomischen Prinzips auf die Existenz des Menschen selbst, wo es aber gar nichts zu suchen hat. Doch wer profitiert denn überhaupt davon, wer hat ein Interesse daran, uns einzureden, dass "leistungsfähiger" gleich "besser" ist, für wen soll man denn "effektiver" sein? (abgesehen davon, dass eine Steigerung in einem bestimmten Bereich immer mit einem hohen Preis in einem anderen bezahlt wird - oder warum sterben so viele Drogenkonsumenten). Niemand wird glücklicher, nur schneller, normierter und kranker.
Das kam mir etwas sonderbar vor...
Zunächst mal muß "ein aufgemotztes Gedächtnis" nicht unbedingt zu Intelligenz führen. zB gibt es Autisten, die ganze Telefonbücher auswendig können, aber trotzdem nicht unbedingt im Alltag überlebensfähig sind.
Und dann fiel mir auf, dass ich nirgendwo davon gelesen hatte, weder Nature hatte auf Seite 1 die Top-Meldung, noch Science, noch der "Standard" - dass diese Meldung auf der Titelseite der "BILD"-Zeitung ist, heißt ja noch lange nicht, dass sie wirklich stimmt.
Von wegen doof bleibt doof
Hans-Hilger Ropers sucht die Gene, die manche Menschen geistig so unbeweglich machen.
Berlin - Fast sechs Millionen Deutsche sind nicht allzu helle, IQ kleiner 80. Geistige Verlangsamung sagen die Ärzte, "doof" der Volksmund. Fürs Doofsein kann keiner was: Es ist ein genetisches Problem - das man bald behandeln kann.
"Die meisten geistigen Störungen gehen auf eine einzelne kaputte Erbanlage zurück", sagt Hans-Hilger Ropers, Professor am Dahlemer Max-Planck-Institut für Molekulare Genetik. "Bereits ein kleiner Gen-Fehler kann die Nervenzellen im Gehirn aus dem Takt bringen."
Nicht nur schwere geistige Behinderungen werden so verursacht, auch die normalen IQ-Unterschiede. Ropers hat in seinem Genlabor bereits 30 dieser Intelligenzverändernden Mutationen entdeckt. "Wenn wir die Mutation kennen, können wir sehen, was sie im Gehirn verändert."
Und eine Therapie finden, wie beim Fragilen x-Syndrom: bei dieser Intelligenzstörung ist ein Gen auf dem X-Chromosom so verändert, dass bestimmte Rezeptoren im Hippocampus außer Kontrolle geraten. Leichte bis extreme Lernschwierigkeiten sind die Folge. Ropers: "Gegen diese Störung gibt es bald eine Medikament: Bei Mäusen und Fruchtfliegen konnte man den Gedächtnisverlust schon beheben." Diese Therapie mit dem Antibrechmittel MPEP will jetzt eine US-Pharmafirma auf den Markt bringen. Zulassung: 2007.
Quelle: Berliner Kurier, 04.08.2006
Aha, hier haben wir schon ein bisschen mehr Informationen. Es geht also um das Fragile X Syndrom, um vererbte geistige Behinderungen. So einem Menschen das Gedächtnis "etwas aufzumotzen" wäre ja nichtmal verwerflich.
Und hier steht auch schon mal, dass es für diese Störung bald ein Medikament geben wird. Also keine Spur von "Gehirndoping an Schülern und Studenten".
Weitere Informationen:
Molekulare Ursachen genetisch bedingter kognitiver Störungen - Ropers HH
Die geistige Behinderung ist das größte ungelöste Problem der medizinischen Genetik, und auf die medizinische Versorgung und Betreuung von geistig Behinderten entfällt ein erheblicher Teil der Gesamtaufwendungen für die Krankenversorgung. Den meisten schweren Formen der geistigen Behinderung liegen Chromosomenveränderungen oder Gendefekte zugrunde, jedoch ist erst ein geringer Prozentsatz dieser Defekte bekannt.
In den vergangenen Jahren konnten wir bereits zahlreiche molekulare Ursachen für kognitive Störungen identifizieren. Von der Charakterisierung dieser Gene versprechen wir uns wesentliche Fortschritte für die Diagnose und Prävention der geistigen Behinderung sowie neue Einblicke in die normale und gestörte Hirnentwicklung und -funktion.
. . . the ability to achieve behavioral rescue by treating “postnatally”— without needing to “fix”
a major morphological defect and without needing to replace the defective gene—gives great hope for effective postnatal therapies for developmental brain disorders.
Mental retardation genes in drosophila: New approaches to understanding and treating developmental brain disorders
Gehen wir also zurück zum anfangs zitierten Beitrag im ADS-Disk Forum; da ging es um gedopte Fruchtfliegen.
Was an der ganzen Geschichte wahr ist:
1. es wurde mit Fruchtfliegen experimentiert, die ein Modell für genetische Defekte darstellten - vor allem für vererbte geistige Behinderungen.
2. Unter anderem zeigten Untersuchungen, dass ein bestimmter Wirkstoff - zB MPEP (2-methyl-6-phenylethynyl-pyridine) die Symptome des fragilen X Syndroms milderte.
Quelle:
Neuron Volume 45, Issue 5: Courting a Cure for Fragile X
Was ist das fragile x-Syndrom?
Das Leitsymptom ist eine unterschiedlich stark ausgeprägte Intelligenzminderung, deren Schwere von Lernproblemen bis hin zu schwergradiger kognitiver Beeinträchtigung reichen kann und mit Sprachstörungen und Aufmerksamkeitsdefiziten einhergeht.
Bei Kindern sind bei etwa 12 % der Betroffenen autistische Verhaltensweisen ausgeprägt, beinahe 20 % der Kinder bekommen Krampfbeschwerden (Epilepsie).
Bei Frauen sind die Symptome häufig milder ausgeprägt, was auf die zufällige Inaktivierung eines der beiden X-Chromosomen in weiblichen Zellen zurückzuführen ist.
Bei 80 % der betroffenen Männer findet sich eine Hodenvergrößerung, die schon vor der Pubertät auftreten kann. Weitere körperliche Symptome können eine vorspringende Stirn, abstehende und große Ohren und ein hervorstehendes Kinn bei gleichzeitig bestehendem schmalen Gesicht sein.
Was ist also von der Horromeldung da oben "Pille gegen Dummheit gefunden" übriggeblieben:
1. Es ging um genetisch bedingte geistige Behinderungen
2. Es ging um die Behandlung dieser Behinderungen und um die Behandlung anderer schwerer neurologischer Erkrankungen
3. Ein mögliches Medikament, das zur Behandlung eingesetzt werden könnte, verbessert hauptsächlich das Gedächtnis.
Wie wir aber wissen:
4. Das Gedächtnis alleine macht noch lange nicht die Intelligenz aus. nichtmal dann, wenn so jemand plötzlich die Fähigkeit hätte, seitenweise aus dem Telefonbuch zu rezitieren. Er wäre einfach nur gut, Inhalte wortgenau wiederzugeben. Ob er aber diese Fakten mit anderen Fakten kombinieren kann oder was auch immer sonst noch, das hängt nicht vom Gedächtnis ab! Intelligenz ist etwas sehr vielschichtiges, komplexes.
Conclusio:
Leute, die aus "BILD" kritiklos zitieren und diese Information weder überprüfen noch dazu näheres recherchieren können eigentlich auch nicht besonders intelligent sein.
Ich würde mal behaupten, jemand, der intelligent ist, müßte auch die Fähigkeit haben, Informationen zu hinterfragen und dürfte nicht kritiklos alles zitieren, das ihm unterkommt.